Trend “Microadventures”? – Früher ging man einfach raus!

In Opas Garten unterm Kirschbaum schlafen (und zwar mit Null-Hightech-Stoffschlafsack), einen Tag im heimischen Wald über Stock und Stein klettern, mit dem (3-Gang-)Fahrrad einfach mal gen Süden losradeln und wenn die Kraft zu Ende war, mit dem Zug zurückkommen – das waren die „Microadventures“ unserer Kindheit und Jugend, die damals noch nicht unter so hochtrabendem Namen firmierten.

Heute also soll das, was früher hauptsächlich ein Ding von Kindern und jungen Erwachsenen war, unter der Bezeichnung Microadventures „gestandenen“ Erwachsenen ermöglichen, wieder einen Zugang zur Natur zu bekommen? Microadventures als Allheilmittel für den vom schnellen, digitalisierten, bewegungsarmen Alltag geschundenen Geist und Körper? Oder eher als Allheilmittel für eine Outdoorbranche, der die Ideen für andere Trends fehlen?

„Spontan und ohne spezielle Ausrüstung für Jedermann durchführbar“ (Zitat sportFachhandel, Ausgabe 8 vom 18.06.2017, S. 30) sollen Microadventures sein (oder noch ausführlicher definiert bei http://www.outdoor-show.de/od-de/news/Microadventure.php). Neue Zielgruppen, die vorher mit Outdoor und Natur nicht viel am Hut hatten, will die Branche unter anderem damit erreichen.

Als Beispiele für Microadventures werden z.B. eine Nacht auf dem Hausberg im Biwak unterm Sternenhimmel genannt, ein Tour mit dem Rad auf den nächstgelegenen Hügel mit abendlichem Lagerfeuer (ist offenes Feuer in freier Natur eigentlich überhaupt erlaubt?), das Wandern zur Quelle eines Flusses. Und alles bitte ohne Zuhilfenahme des Autos, denn das verstellt den Blick aufs Wesentliche.

Für mich klingt das alles ein wenig paradox: Alle oben genannten Beispiele benötigen ein Mindestmaß an Ausrüstung – Schlafsack, Isomatte, Rucksack, Fahrrad, Wanderschuhe – sind also kaum „ohne spezielle Ausrüstung“ durchführbar. Oder ist das „unspezielle“ Ausrüstung, die eh jeder Otto Normalverbraucher (und Outdoor-Neuling) besitzt? Es ist ja, aus Sicht der Hersteller, bestimmt nicht der alte Stoffschlafsack aus Papas Jugend gemeint, der nicht gerade outdoortaugliche Office-Rucksack oder das alte 3-Gang-Rad, das seit Jahren in der Garage verstaubt. Dahinter darf man wohl vielmehr das Ziel vermuten, dass sich der Konsument auch für diese vermeintlich einfachen Miniabenteuer schön mit Ausrüstung eindeckt und damit den Herstellern Geld in die Kassen spült.

Es ist ja völlig berechtigt, dass die Hersteller Geld verdienen wollen. Aber klingen die so von den Herstellern postulierten „Microadventures“ nicht eher nach einem mühsam konstruierten Trend der Marketingleute? Der insgesamt leider nicht besonders stimmig ist, sondern verschleiert, dass es eigentlich doch in erster Linie um Umsätze geht?

Man könnte ja einfach (und ehrlicher) sagen: „Geht raus, Leute. Erfreut Euch an der Natur, tut Euch Gutes mit kleinen Abenteuern im Alltag. Und diese kleinen Abenteuer machen Euch noch mehr Spaß, wenn Ihr dafür einige grundlegende Ausrüstungsteile habt, die wir Euch liefern können.“ – Das wäre deutlich glaubwürdiger, oder?

Übrigens: An mangelnder Kaufkraft leidet die Zielgruppe des durchschnittlichen vom stressigen Berufs- und Familienalltags geschundenen potentiellen Kunden meines Wissens eh nicht. Wenn also die Lust auf Microadventures geweckt ist (>> Hier liegt die Hauptaufgabe!) und der Hersteller glaubwürdig rüberkommt, ist auch das Geld für entsprechende Ausrüstung (und die Bereitschaft, es auszugeben) mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhanden.