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Urlaubserlebnisse – durch die Brille einer Marketingberaterin

Zwei schöne Urlaubswochen in Südfrankreich liegen hinter mir. Und neben Sonne im Herzen hab ich ein paar Erlebnisse mitgebracht, die eindeutig in die Kategorie „Durch die Marketingbrille“ fallen:

Clever
Chambre d’hôtes (= Bed&Breakfast), gebucht dank Top-Rating auf Tripadvisor. Geniales Haus und Anwesen, Zimmer gut, Frühstück so lala (aufgebackene Croissants… – das ist doch eines Franzosen eigentlich nicht würdig?!). Der Clou bei der Abreise: Der Gastgeber überreicht uns ein Kärtchen des Hauses und ermuntert uns, ihn auf Tripadvisor zu bewerten. Ermuntert? Auf dem Kärtchen pappt ein Post-it, darauf, täuschend ähnlich von Hand „gemalt“, wie die Bewertung aussehen soll: 5 ausgefüllte Kreise (wer Tripadvisor nicht kennt, das ist das 5*-Toprating). Wenn das mal nicht suggestiv ist – wieviele Gäste trauen sich wohl jetzt noch, nicht mit der vollen Punktzahl zu bewerten?

Tough
Grasse, Weltstadt des Parfums. Besichtigung der altehrwürdigen Parfümerie Fragonard. Führung endet, wie könnte es anders sein, im Verkaufsraum. Verschiedene Parfumproben, und dann das unschlagbare Angebot: Bei Kauf von fünf gleichgroßen Flakons gibt’s einen Sonderpreis. Soweit noch nix Besonderes. Der Trick: Die fünf Flakons müssen nicht auf eine Rechnung gehen, sie können auch auf fünf Teilnehmer aus der Besichtigungsgruppe aufgeteilt werden, die sich noch am Probiertresen verpflichten. Wow, da entsteht Gruppendruck… In unserer Gruppe kamen wir eigentlich nur auf vier Personen, die sich an diesem Deal beteiligen wollten. Ein bisschen Verkaufsrhetorik seitens der Führerin – „Wenn der Deal nicht zustande kommt, dann zahlen Sie ja jeder 7,-EUR mehr“, „Ich will Sie natürlich auf keinen Fall unter Druck setzen“, usw. Und siehe da, eine aus der Gruppe knickt ein „Ok, ich nehm zwei Flakons“, und schon kommen wir zusammen auf die fünf und die Verkäuferin hat ihre Provision in der Tasche. Mit bestimmt zwei bis drei von den fünf Käuferinnen, die das Parfum zum Einzelpreis garantiert nicht gekauft hätten.

Amusing
In der Touri-Info von eifrigen Mitarbeiterinnen eine Broschüre erhalten „Ich entdecke Vaucluse“, auf deutsch. Sehr blumig geschrieben, und wohl nicht von einem Muttersprachler übersetzt, was in der Kombination zu einigem Schmunzeln anregt. Da „dominiert das provenzalische Dorf die umherliegenden Weinberge“, man müsse sich nicht wundern, wenn man bei all der Schönheit „dem Charme unterliege“. Und „der Angler wird der Versuchung nachgeben den Fisch zu reizen“ – ähm…? Ach ja, noch ein paar Worte zu den lokalen Kunsthandwerkern… Diese „verfügen über ein Handumdrehen, das nicht von gestern ist. Und sie bewahren diese wohlgeratene Arbeithaftigkeit“ A propos Arbeit: Ich werde mir die Arbeit machen und einen Brief an den Tourismusverband senden, um den Damen und Herren meine Übersetzungskünste anzubieten. Denn auch ich „verfüge [in Sachen Übersetzung] über ein Handumdrehen, das nicht von gestern ist“ :-)

So sorry
Schön essen gehen in Frankreich ist ja nicht gerade günstig. Und spielt sich dann meist in recht gediegener Atmosphäre ab, in der es dezent und gedämpft zugeht. Nicht so in unserem Fall: Im selben Raum ein Tisch mit zehn Amerikanerinnen, allesamt vermutlich aus der Kategorie „obere Mittelschicht zu Malkurs oder Bildungsreise in der Provence“ und 1:1 wie aus einem amerikanischen Film. Typisch amerikanisch-lautstark auch in der Unterhaltung und vor allem der Lache. Ein französisches Paar am Nebentisch verließ das Restaurant aufgrund des Lärms nach wenigen Minuten wieder. Das wiederum führte dazu, dass der Kellner sich im Lauf des Abends mehrfach bei uns für die lauten amerikanischen Gäste entschuldigte und uns erklärte, dass bei diesen nur noch das Dessert anstehe und er hoffe, dass sie sich damit nicht allzu viel Zeit ließen, so dass dann Ruhe einkehre. Wir nahmen das Spektakel, das eine Unterhaltung auf normalem Lautstärkeniveau in der Tat phasenweise unmöglich machte, eher humorvoll – ein bisschen à la Live Comedy. Ich fand allerdings faszinierend, was eine einfache Entschuldigung seitens des Restaurants für etwas, das nicht mal in deren Verschulden liegt, für einen positiven Effekt bei mir als Gast erzielt. Ob mir das (also das spürbare Bedauern der Situation und die mehrfache Entschuldigung dafür) in einem Restaurant hierzulande auch passieren könnte?

Full of Ideas
Ist es eine Krankheit? Oder schlichtweg normal für eine Marketingberaterin, die ihren Job mit Passion macht? Egal wo ich hinkomme (Unterkünfte, Restaurants etc.), nach den ersten paar Minuten oder spätestens am Ende eines Aufenthalts habe ich eine Liste von Ideen und Maßnahmen im Kopf, mit denen man den jeweiligen Betrieb noch attraktiver für seine Kunden machen könnte und damit in vielen Fällen garantiert auch höhere Preise erzielen könnte. Ich hab schon überlegt, ob ich das zu meinem erweiterten Businessmodell machen könnte – quasi „Consultant in residence“?

Habt Ihr auch amüsante Marketingurlaubserlebnisse zu erzählen?